Tribsees to table

Kulinarische Stadtentwicklung – Ein Projekt im Rahmen von »Tribsees' Zukunft machen«

Eine evidente Ressource in Tribsees ist der Leerstand. Allein im historischen Stadtkern stehen über 70 Gebäude frei von Nutzung und noch mehr Grundstücke maskieren, als Wiese und Freifläche getarnt, den Niedergang des einst pulsierenden Zentrums. Die Gründe für diesen Zustand sind historisch bedingt, systemimmanent und obendrein noch hausgemacht. Aber was könnten Ansätze sein, um den schleichenden Abstieg aufzuhalten und gar umzukehren?

Unser Beitrag zum Gesamtprojekt »Tribsees’ Zukunft machen« entstand beim Kennenlernen der ländlichen Kleinstadt, der Menschen und vor allem der Selbsterfahrung, dass es kein Restaurant, kein Café und keine Kneipe gibt, aber Tribsees töpfern kann. Nach erwärmenden Gesprächen und einer selbstgekochten Mahlzeit in der Teeküche des Heimatvereins reifte in uns der Entschluss, die scheinbaren Defizite der Kleinstadt mit den Schätzen des Landes und dem Können ihrer Bewohner*innenschaft herauszufordern. Wir wollten ein Kreislaufrestaurant des dritten Jahrtausends kreieren. Auferstanden aus den Ruinen der Stadt und der Zukunft zugewandt. Um den Ort, sein Umland und auch entferntere Regionen füreinander zu öffnen und miteinander zu feiern. Dafür traten wir an.

Die Ingredienzien dafür: ein leeres Kaufhaus, Menschen voller Fähigkeiten, Wissen und dem Hunger auf Geselligkeit, Austausch und richtig gutes Essen. Der Ort dafür war das beste Haus am Platze. Das Konsum Kaufhaus in der Karl-Marx-Straße 6 – ein Bau mit der spürbaren Grandezza aus dem letzten Jahrhundert. Tag der Schließung und Besitzer*innen unbekannt. Für uns war klar, hier ist der Flecken, wo alles geht! Zur Mithilfe baten wir die Brigade der Trebel Pötterie, die örtliche Schule und eigentlich den ganzen Ort. Die Aussicht, wieder ein Restaurant, einen Gemeinschaft stiftenden Ort zu erhalten, kam an – in Tribsees, in Hamburg, sogar in Bad Sülze!

→ Lies den ganzen Text

Tribsees to table

Kulinarische Stadtentwicklung oder: Wie kochen wir uns eine neue Stadt?!
Tribsees ist bitterlich kalt im Winter, herzerwärmend schön im Sommer und immer reich an Geschichten und Geschichte. Aber wie schmeckt die Metropole an der Trebel? Und wie ihre Zukunft? Große Fragen. Angefangen haben wir mit ganz kleinen, an Ton Matton:

»Wo können wir hier im Ort mal was essen gehen?«
»Restaurant? Gibt’s nicht.«
»Café?«
»Gibt’s auch nicht.«
»Kneipe?«
»Fehlanzeige.«

Und da uns auch das örtliche Kartoffelmuseum nicht an den Exponaten knabbern ließ, entstand unser Beitrag zum Gesamtprojekt »Tribsees’ Zukunft machen« aus Selbsterfahrung. Nach einer selbstgekochten Mahlzeit in der Teeküche des Heimatvereins reifte in uns der Entschluss, die scheinbaren Defizite der Kleinstadt mit den Schätzen des Landes und dem Können ihrer Bewohner*innenschaft herauszufordern. Wir wollten ein Kreislaufrestaurant des dritten Jahrtausends kreieren. Auferstanden aus den Ruinen der Stadt und der Zukunft zugewandt. Um den Ort, sein Umland und auch entferntere Regionen füreinander zu öffnen und miteinander zu feiern. Dafür traten wir an.

Die Ingredienzien dafür: ein leeres Kaufhaus, Menschen voller Fähigkeiten, Wissen und dem Hunger auf Geselligkeit, Austausch und richtig gutes Essen. Der Ort dafür war das beste Haus am Platze. Das Konsum Kaufhaus in der Karl-Marx-Straße 6 – ein Bau mit der spürbaren Grandezza aus dem letzten Jahrhundert. Tag der Schließung und Besitzer*innen unbekannt. Für uns war sofort klar, hier ist der Flecken, wo alles geht! Zur Mithilfe baten wir die Brigade der Trebel Pötterie, die örtliche Schule und eigentlich den ganzen Ort. Die Aussicht, wieder ein Restaurant, einen Gemeinschaft stiftenden Ort zu erhalten, kam an – in Tribsees, in Hamburg, sogar in Bad Sülze!

Schade nur, dass wir weder die Schlüssel zum Kaufhaus hatten, noch eine Küche, Stühle oder Tische. Aber wir hatten eine Idee und den Anspruch, gemeinsam mit den Einwohner*innen einen Raum zu gestalten, der mehr sein kann, als nur schön und funktional. Mehr soziale Plastik im Sinne von Beuys, weniger Rach, der Restauranttester. Und gibt es nicht auch lokale Produzent*innen mit denen wir zusammen den ländlichen Raum in eine essbare Landschaft verwandeln könnten?

Fragen über Fragen. Wie eigentlich immer, wenn sich kochende Künstler*innen und forschende Gestalter*innen an die Arbeit begeben. Die Herausforderung war klar zu lokalisieren. Das Ziel lag irgendwo in der Ferne. Aber wie gelang(t)en wir dahin?

Urbane Praxis. Rurale Praxis?
Wir leben und wirken in Hamburg. Eine Kleinstadt wie Tribsees fordert unsere gewohnten Techniken heraus und fordert uns dazu auf, uns selbst zu hinterfragen. Aber, so ehrlich möchten wir sein, wir sind primär sozialisierte Kinder der Kleinstadt oder »vom Dorf«. Wir wurden erst akademisch ausgebildet und geprägt in Großstädten und Metropolen. Das Experiment »Tribsees to Table« (T2T) war auch eine Reise in unsere eigene Geschichte.

In einer Epoche der Gleichzeitigkeiten und des Individuellen können wir alles werden, ja sogar schon sein. Und so changieren unsere Rollen von Designer*in und Lehrer*in zu Erfinder*in und Gastgeber*in in Bruchteilen von Augenblicken. »Urbane Praxis« steht seit einigen Jahren für einen kreativen Freibrief sich als Akteur*in der unterschiedlichsten Disziplinen zu bedienen und mit ihren jeweiligen Strategien in Städten zu agieren, um sie zu transformieren. Auch wir bedienen uns dieser Terminologie nur allzu gern. Aber wie begründen und erklären wir unser Tun nun hier, im ländlichen Raum? Gibt es gar eine genuin »rurale Praxis«? Und wenn ja, was zeichnet diese aus?

Diese Fragen möchten wir im folgenden klären und ausgewählte Ansätze, Formate und Programmatiken unsererseits illustrieren.

Das Gold von Tribsees.
Tribsees kann töpfern – das wurde uns bereits beim ersten öffentlichen Spaziergang 2020 klar. Die sympathische Seniorin Hilde Zinke formt in ihrer freien Zeit in der gemeinnützigen Trebel Pötterie e.V. Tassen, Blaufrösche und was die Tribseeserin von Welt sonst noch so braucht. Sie überzeugte uns sogleich, dass es ihr weder an Visionen noch an Engagement mangelt. Vereine wie die Trebel Pötterie bilden das Rückgrat der ländlichen Zivilgesellschaft. In Kleinstädten sind die Vereinszugehörigkeiten einer Bewohner*in im Durchschnitt doppelt so hoch wie in der Großstadt. Mit einer Komplizin wie Hilde war uns also statistisch ein mehrfacher Zugang ins Feld sicher.

Nach dem Vorbild des Granby-Workshop (London) töpferten wir gemeinsam mit ihr und ihren Vereinskameradinnen aus den Ziegelsteinen zerfallener Häuser, Fliesen für das Interieur des Kaufhauses. Denn die Ressource Schutt war häuser-weise vorhanden. Und an Potential für Teilnehmende mangelte es auch nicht. Da jede Zielgruppe einer speziellen Ansprache bedurfte, ersonnen wir unterschiedliche Aktivierungsmedien, -methoden und Workshopformate. Der gezielte Einsatz der Presse und klassische Postwurfsendungen waren der Schlüssel zum Erfolg bei den nicht organisierten, während die Expertinnen der Pötterie sich untereinander anspornten. Um auch ihnen etwas zurückzugeben, luden wir die Keramikkünstlerin Julia Kaiser (Hamburg) als Unterstützung und Leitung für mehrere Tage ein. So kamen die Nachbarschaft, Schüler*innen oder geübte Töpferinnen aus dem Verein gleichermaßen in den Genuss.

An zwei Projekttagen mit den fünften Klassen der Grundschule Recknitz-Trebeltal töpferten wir nicht nur unter dem Motto »Nur Fliesen ist schöner«, sondern begaben uns gleichzeitig auf eine Stadtrallye, um mit der nächsten Generation über die Zukunft von Tribsees zu sprechen. Wie stellt sich die Jugend von heute das Restaurant von morgen. vor? Und welches Essen wird da wohl angeboten? Die Visionen und Lieblingsgerichte der Kinder haben wir dann in das finale Kreislaufrestaurant eingewoben.

Auf der Suche nach den verborgenen Potentialen in scheinbar offensichtlichen Missständen, führte uns die Idee der Fliese ans Ziel. Mit ihr kann jeder auf 15 cm mal 15 cm kondensiert das Konzept von T2T mit eigenen Händen begreifen. Der Entstehungsprozess dahinter versinnbildlicht zudem die partizipatorische Methode. Weder konnten wir die Aufgabe alleine stemmen, noch wollten wir sie einzig definieren. Erst im reziproken Aushandeln mit dem Ort, seiner Materialität und den Bewohner*innen erreichten wir die Akzeptanz und Stringenz, die wir uns erhofften und das Projekt benötigte. Nur wenn wir die Tribseeser*innen in die Lage versetzen, den Prozess transparent und aktiv mitzuverfolgen und zu gestalten, ist die Möglichkeit gegeben, dass etwas bleibt, selbst wenn wir schon lange wieder fort sind.

Vom Kaufhaus zum Gasthaus
Eine andere evidente Ressource in Tribsees ist der Leerstand. Allein im historischen Stadtkern stehen über 70 Gebäude frei von Nutzung und noch mehr Grundstücke maskieren, als Wiese und Freifläche getarnt, den Niedergang des einst pulsierenden Zentrums. Die Gründe für diesen Zustand sind historisch bedingt, systemimmanent und obendrein noch hausgemacht. Aber was könnten Ansätze sein, um den schleichenden Abstieg aufzuhalten und gar umzukehren? Auch hier gab es nicht die eine Antwort, aber wir wählten einen konkreten Ansatz.

Die Karl-Marx-Str. 6 spiegelte für uns nicht nur die verschiedenen Facetten der vorhandenen Probleme wider, vielmehr schimmerten dort auch Lösungen durch die schlierigen Schaufenster. Neben der wertigen Bausubstanz erkannten wir hier auch das Potential für einen Ort mit eingebautem Gemeinsinn. Denn ob Stadt oder Land, gemeinschaftsstiftende Räume sind in unserer Gesellschaft kein selbstverständliches Angebot an die Bewohnerschaft. Normal hingegen scheint, dass Grund und Boden in Wert gesetzt werden sollen, mit dem Ziel, diesen kontinuierlich zu steigern.

Wenn neben aktivistischen Ideen von unten auch das Plazet von Politik und Verwaltung übereinkommt, dann besteht die Chance auf ungewöhnliche Komplizenschaften von ungeahnter Kraft. Hier in Tribsees wären ohne die Klarheit und das Verständnis des Bürgermeisters Bernhard Zieris und Christian Pegel, Minister für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung im Land MV, viele gute Ideen unmöglich geblieben. Oftmals stehen der Entwicklung hierzulande unklare Besitzverhältnisse, mangelnde Entschlossenheit und das Nicht-Ausschöpfen des rechtlichen Rahmens im Wege.

Pegel verblüffte bei seiner Eröffnungsrede am 24.06.2021 mit seiner klaren Haltung gegenüber Eigentümer*innen, die ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachkommen, ja nicht einmal ansprechbar seien. Wenn Häuser, die das Stadtbild prägen, gezielt verfallen gelassen werden, sollte in letzter Instanz auch Enteignung eine Option sein. Werden eben diese Häuser für die Gemeinschaft erschlossen, können nur positive Wirkungen folgen: Der Ort wird aufgewertet und genutzt, die Substanz vielleicht sogar an einigen Stellen gesichert. Und wenn dadurch die Eigentümer*innen aufmerksam werden und sich melden, findet so ein Kontakt und ggf. sogar ein Dialog statt, welcher vorher nicht möglich schien.

In unserem Fall hieß der »unerreichbare« Besitzer im Volksmund nur »der Schweizer«. Neben dieser konkreten Nationalität gab es nur noch Ungenauigkeiten und Gerüchte. Diese aber nicht zu knapp. Verblüffend war für uns aber auch das schwindende kollektive Gedächtnis. So variierte die Angabe der Schließzeit der Kaufhausnutzung nicht um Monate, sondern um Jahrzehnte! Neben der Bausubstanz bröckelt durch Brachliegen also auch die Erinnerung.

Materiell haben wir uns aber genau dieser Vergangenheit gewidmet und sind im Gebäude auf Schatzsuche gegangen. Was für Andere nur Sperrmüll oder alter Schrott war, wurde für uns zum Rohstoff der neuen Gestaltung. »Urban Mining« nennt eine auf Nachhaltigkeit und Kreisläufe ausgerichtete Bewegung dieses Vorgehen. Aus alten Regalen wurden Tische, aus nie ausgepackten Lampenschirmen der Vorwendezeit wurde Wandschmuck und aus scheinbar wahllosem Allerlei eine stimmige Installation im Schaufenster. Jedes einzelne Detail wurde hinterfragt und wohl kuratiert. Neu waren am Ende nur die Ideen.

Kein Haus ist eine Insel. Und so korrespondiert das alte Kaufhaus mit dem Tribsees von heute. Um das zu symbolisieren, legten wir einen Indoor Steingarten aus dem Schutt der abgebrochenen Häuser an, welcher sowohl Wegeführung als auch Gestaltungselement war. Bepflanzt wurde dieser temporär mit Blühwerk der Gärtnerei Weber. Wurden wir anfänglich selbst von unseren Helfer*innen belächelt, so staunten die Gäste am Ende nicht schlecht, als wir ihnen erzählten, was sie am Eröffnungswochenende da begeistert ansehen.

Wenn Interimsnutzungen wie diese ermöglicht werden, fangen Menschen an, einen Ort, der seit Jahren keine Funktion im städtischen Gefüge hat, zu transformieren. Sie investieren Zeit und »Sweat Capital«, setzen sich praktisch für den Ort ein und entwickeln eine Ver-Bindung mit diesem. Zwischennutzungen können auf ungewöhnliche Weise kreatives Potential freisetzen, weil mit ihnen auch immer das Temporäre verbunden ist. Durch die Unsicherheit, sind sie frei von Erfolgsdruck und eröffnen Räume für Experimente. Mit unklarem Ausgang und einer gewissen Naivität. Das kann zum Scheitern führen, aber auch zum Erfolg. Mit Sicherheit bringt es einen hohen Erfahrungswert mit sich.

T2T - Zukunft geht durch den Magen.
Ebenso wie die Kluft zwischen Arm und Reich scheint sich auch ein breiter werdendes Delta zwischen urbanen und ruralen Gebieten zu entwickeln. Selbst das Wissen um den Anbau von Lebensmitteln schwindet aus vielen städtischen Köpfen. Und das, obwohl damit unser aller Existenz- und Grundbedürfnis, das Essen, befriedigt wird. Aber auch die Flächennutzung und die Verfasstheit unserer Umwelt stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem, was wir essen. Schon Wendell Berry meinte »essen ist eine landwirtschaftliche Tätigkeit«. Und selbstredend ist dieser Akt auch politisch.

Wie können wir eine neue Nähe zwischen dem Land, den Lebensmitteln, ihren Produzent*innen, den Orten des Verzehrs und auch zu Konsument*innen und untereinander schaffen? In einem Restaurant, das keines ist! Das einen ländlichen Raum eröffnet, um Menschen mit unterschiedlichsten Herkünften einander näher zu bringen.

Auch wenn Tribsees seit Jahren schon kein Restaurant mehr hat, verkauften wir bei T2T keine simplen Menüs, sondern vielmehr kulinarische Erlebnisse. Doch neben all unserer Liebe für die Kochkunst und dem Stolz auf unsere Kaufhausgestaltung, wurde uns schnell klar: Der Star ist die Stadt. Gemeinsam mit den lokalen Produzent*innen, Expert*innen, Food-Enthusiast*innen und den exquisiten Partner*innen aus Hamburg und Berlin entwickelten wir ein vielfältiges Programm für vier tolle Tage Ende Juli.

Wir spielten mit den Formaten, um eine Brücke zwischen unserem Stammhaus in der Karl-Marx-Straße, der Altstadt und dem Umland zu schlagen. Ob Gutshaus, Fermentationsmanufaktur, Barockdorf oder der wahrgewordene Traum vom eigenen Hof: In und um Tribsees gibt es zahlreiche lohnende Ziele und Koryphäen von überregionaler Strahlkraft.

Natürliche Geschmacksverstärker
In Großstädten umweht seinen Namen allerhand Ruhm der kulinarischen Avantgarde, bei vielen Tribseeser*innen ist Olaf Schnelles Gemüsekunst noch gänzlich unbekannt. Denn Anbauort und Absatzmarkt liegen in seinem Fall hunderte Kilometer auseinander. Als »Schnelles Grünzeug« gärtnert Olaf aus dem dörflichen Kleinod Dorow für die Sterneküchen dieser Republik. Dank seiner Zutaten und seines Wissens eröffneten sich für uns gänzlich neue Geschmackswelten.

Dass reale Orte sich im virtuellen Raum heutzutage scheinbar mühelos transportieren, zeigten uns Yannic und Susann von Krautkopf auf eindrucksvolle Art und Weise. Mit ihren Abertausenden Fans in den sozialen Medien teilen sie ihre Erfahrungen und Erlebnisse des Lebens im ländlichen Prebberede, unweit von Tribsees. Mit uns teilten sie den letzten Abend und ihr Rezept für Rotebeete-Fenchel auf Roggenbrot.

Andere Partner*innen fanden wir in Alltagsgesprächen fast zufällig. Die städtische Angestellte Nicole Wenzel entpuppte sich als Foodbloggerin auf dem Weg zur modernen Subsistenzwirtschafterin. Ihr Traum vom eigenen Hof mit Bildungsauftrag war unser Glück und Weg zum besten Käse der Stadt.

Die Vielzahl und Vielfalt der kulinarischen Kompliz*innen mag überraschen, wenn man ihnen die Einwohner*innenzahlen gegenüberstellt. Aber so wird nicht nur die Historie der Stadt-Land-Beziehungen sichtbar, sondern auch die bereits real existierende Zukunft des Wohnen und Arbeitens der hier Lebenden. Denn abseits der Metropolen geht weit mehr, als nur verharren und bewahren. Provinz ist eben keine Landschaft, Provinz ist ein Zustand des Denkens.

Die Ganze Stadt wird Restaurant
Schnell wurde klar, dass wir die Vielzahl der Gäste gar nicht an einem Abend und an einem Ort bewirten können. Und so kreierten wir diverse Formate für unterschiedliche Publika. Dieser Umstand ließ uns aber auch die Mehrdimensionalität des Projektes besser repräsentieren.

Der Donnerstag gehörte allen Helfer*innen und Sponsor*innen. Wir öffneten für sie zum ersten Mal die Pforten des Kaufhauses und bedankten uns für ihre Unterstützung mit kleinen Grüßen aus der Küche. Am Freitag verlagerte sich das Geschehen endgültig auf die Straße, welche an allen Abenden extra für den Autoverkehr gesperrt wurde. Mit unterschiedlichen Stationen ahmten wir einen Food Court nach und rundeten das kulinarische Erlebnis durch Livemusik lokaler Musiker*innen ab. So erlebten die Bewohner*innen und Besuchenden die Kleinstadt auf eine neue Weise.

Das gelernte Konzept des stationären Restaurants verließen wir am Samstag gänzlich für einen echten Kreislauf durch die Stadt. Tagsüber öffneten ausgewählte Partner*innen im Umland ihre Pforten für unsere Gäste und luden zu einer kulinarischen Landpartie. Am Abend verwandelte sich ganz Tribsees in ein Freiluftrestaurant. Wir starteten geführte Touren jeweils mit einem Happen Kochkunst und einleitenden Worten im »Kaufhaus«. Darauf zogen die Gruppen von ca. 30 Personen über die Stationen »Kino«, »Kirche«, »Kanu-Wanderrastplatz« zurück ins »Kaufhaus«.

Sowohl an den konkreten Orten, als auch unterwegs, zeigte sich das Format als Selbstläufer und kommunikativer Glücksgriff. Die Menschen bewiesen sich gegenseitig, dass es nicht zwangsläufig die Architektur eines gebauten physischen Raums benötigt, um zusammenzukommen. Hier war es der arrangierte Anlass mit einer in sich schlüssigen Dramaturgie, welcher lang vermisste Gemeinschaft stiftete. »Tribsees to Table« veränderte so nachhaltig die Stadt – nicht nur materiell, sondern vor allem als kollektives Erlebnis im Gedächtnis der Bewohner*innen und Besucher*innen. Eine Geschichte, die bleibt und Geschichte wird.

Die Essenz vom Landmachen

»Das ist die beste Installation, die ich seit Beuys gesehen und erlebt habe! Und ich kann das sagen. Denn meine Freundin, Petra Korte, ist Salzkünstlerin und hat bei ihm damals studiert.«
Michael Wunner, Pilgerhus Tribsees

Gestrenge Kunsthistoriker*innen mögen bei so einem Vergleich entsetzt die Nase rümpfen. Aber dies ist hier eben auch die Geschichte einer leidenschaftlichen Arbeit. Jenseits vom hippen und distanzierten Großstadtgeflüster. Dafür mitten im Leben der Kleinstadt. Die oben zitierte Reaktion eines Betrachters ließ uns maximal positiv beschämt zurück. Aber sie zeigt uns einmal mehr, dass die Bürger*innen ihre Meinung klar und deutlich äußern und weder mit Kritik hinterm Berg halten, noch den lobenden Pathos mit weniger als der großen Schaufel verteilen.

Nach monatelanger Feldforschung und handfester Arbeit können wir sagen, dass »urbane Praxis« sich sehr wohl auf den ländlichen Raum übertragen lässt. Wie in jeder kulturellen Kontaktzone
be- und entstehen Konflikte und Reibungen, aber auch produktive Verständigungen und gegenseitiges Lernen. So haben wir vielleicht mit unserem in der Großstadt geschulten Denken und Handeln in Tribsees Neues geschaffen. Aber ganz bestimmt haben uns die Reaktionen, Fragen und Praxen der Tribseeser*innen verblüfft und bereichert.

Ein ganz konkreter Vorteil waren für uns die kurzen Wege zu kommunalen Entscheider*innen wie Bürgermeister*innen und der unmittelbare Zugang in die Verwaltung. Auf der persönlichen Ebene fanden wir es überraschend, dass der schier überbordende Freiraum auf dem Land im umgekehrten Verhältnis zu seiner Abwesenheit in der Stadt steht. Wo sich in Hamburg der Wunsch nach ein wenig Raum zur Selbstverwirklichung immer stärker artikuliert, so haben die Tribseeser*innen schon oft so viel davon, dass der endlos grüne Hinterhof im trauten Eigenheim bereits vollstes Engagement fordert. Die Bedürfnisse der Bewohner*innenschaften sind andere. Und auch die Orte und Weisen der Ansprache sollten entsprechend gewählt werden.

Vielleicht können wir »Tribsees to Table« als Präzedenzfall für eine rurale Praxis einordnen. Als sozial getarnte und motivierte Kulinarik-Kunstpraxis haben wir den Menschen eine Zukunftsvision für einen verloren geglaubten Ort serviert. Im Entstehungsprozess haben wir unser zukünftiges Publikum zu Kompliz*innen werden lassen und dadurch eine neue Öffentlichkeit geschaffen. Aber auch einen neuen Zugang zum »Landmachen« insgesamt. Durch die aktive Teilnahme und Einbeziehung in das Projekt entstand bei den Beteiligten die Gewissheit, Handlungsmacht zu besitzen. Und wer das einmal erlebt hat, der weiß auch, dass er die Zukunft selbst gestalten kann.

Wir plädieren daher für mehr Präzedenzfälle! Für ungeplante, spontane urbane Artikulationen. Dafür Freiräume auch frei zu lassen. Zwischennutzungen sollten zu einem festen Bestandteil der Stadt- und Landgestaltung werden. Was dabei in der Zukunft herauskommt? Das wissen wir nicht. Wir wussten es auch zu Anbeginn von T2T nicht. Würden uns die Leute für verrückt erklären? Würde die Polizei uns »räumen«? Und was würde der nicht auffindbare Schweizer mit uns machen, wenn er davon erführe? Kein Jahr später, am 24.04.2022, erhielten wir dann nächtens diese Nachricht:

»Ich freu mich als besitzer der Karl Marx strasse 6 und vielleicht nimmt ja jemand direkt Kontakt mit mir auf liebe grüsse im sinne “Eigentum ist Diebstahl!" Kunst ist das leben! Gruss giovanni tel XXX in der schweiz«

Fortsetzung folgt?!

2021

Leistungen:

  • Konzeption
  • Gestaltung
  • Umsetzung
  • Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
  • Dokumentation

Projektpartner*innen

Hinter den Kulissen

o